Jochen Rathmann's Bücher

Freitag, 6. Juni 2014

[JR Filmkritik 2014] How I Live Now


How I Live Now
7/10

Sie heißt Elizabeth, möchte aber Daisy genannt werden. Hat am liebsten ihre Kopfhörer und laute Musik auf den Ohren; und am besten spricht man sie auch gar nicht erst an. Das übliche Erscheinungsbild eines Teenagers. Und auch sonst wirkt alles normal, sieht man einfach mal davon ab, dass alle drei Meter das Militär wacht, Kinder ungestraft Auto fahren dürfen und die Nachrichten von irgendwelchen Anschlägen in Paris berichten. Und als wäre das alles noch nicht genug, verschlägt es Daisy in ein Landhaus mit ihr quasi unbekannten Verwandten, wo es auch mal vorkommt, dass eine Ziege durch den Flur läuft. Also muss die Handlung irgendwann zwischen 1900 und 2054 spielen.

Kevin Macdonald scheint es zu gefallen, den Zuschauer zunächst zu verwirren. Und wer die Romanvorlage von Meg Rosoff nicht kennt, dürfte auch anfänglich seinen Spaß an dem filmischen Rätsel haben. Kampfjets, die regelmäßig über die Köpfe der Jugendlichen hinweg fliegen und verdächtige Gesprächsfetzen, die man hier und da aufgreift paaren sich mit den Emotionen eines Teenagers, die gerade ihrer ersten großen Liebe begegnet ist.

Daisy lässt sich nach und nach auf ihre neuen Lebensumstände ein. Ursprünglich aus den urbanen USA genießt sie das Landleben in vollen Zügen. Auch ein atomarer Zwischenfall lindert die Lebensfreude kaum. Die Jagd, Lagerfeuer bei Nacht, die Sonne genießen. Schöner hätte auch Astrid Lindgren keine Sommerurlaube beschreiben können. Doch plötzlich klopft das Militär an die Tür und reißt die Jugendlichen auseinander.

"How I Live Now" hat kein Budget, wie man es von apokalyptischen Endzeitprophezeiungen her kennt. Gerade weil es ein kleiner Film ist, bleiben also Szenen großer Schlachten etc. aus. Es sind die grausamen Taten im Kleinen, was ein Mensch einem anderen antun kann, was den Film ungemütlich macht. Es ist der unendliche Wunsch von Daisy, ihrer großen Liebe noch einmal in die Arme zu fallen. Dafür ist sie bereit, einen langen und steinigen Weg zu gehen, selbst wenn dieser sie minütlich an die eigenen Grenzen bringt. Und Saoirse Ronan ist es zu verdanken, dass ihre Daisy die nötigen Anteile von Gleichgültigkeit und Abhängigkeit in einer Geste vereinen kann.

"How I Live Now" ist seit dem 27.05.2014 auf DVD und BluRay erhältlich.  

Freitag, 30. Mai 2014

[JR Filmkritik 2014] Haunter


Haunter
5/10

Es scheint, als habe Regisseur Vincenzo Natali massive Probleme, den Erfolg von "Cube" zu wiederholen. Nachdem eines seiner ambitionierteren Projekte selbst mit der Schützenhilfe von Guillermo Del Toro scheiterte, wagt er sich mit "Haunter" nun an eine Story, die einem irgendwie bekannt vorkommt.

Es ist Samstag und Lisa ist in froher Erwartung ihres sechzehnten Geburtstags, wäre da nicht das Problem, dass sich ihr letzter Tag als fünfzehnjährige immer und immer wiederholt. Doch statt mit Sonny und Cher's "I Got You Babe" aufgeweckt zu werden, ist es ein Funkspruch ihres jüngeren Bruders. Ganz recht, der Film spielt in den 80ern; eine Zeit, als Funkgeräte noch in Mode waren und der Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" sich seinen Platz in der Popkultur erst noch verdienen musste.

Was man Natali zugutehalten muss ist, dass wir Lisa zum ersten Mal begegnen, als sie sich bereits mit der Zeitschleife abgefunden hat. Zumindest hat sie akzeptiert, mit diesem Zustand zu leben. Auch wenn sie hier und da Bemerkungen fallen lässt, die ihre Eltern irritieren. Im Endeffekt ist sie aber ein Teenager, der sowieso von allem und jedem genervt ist. Da macht ein Problem mehr oder weniger auch nicht mehr viel aus.

Die Idylle des sich wiederholenden Tages wird dann gestört, als Lisa plötzlich Stimmen hört und das Gefühl hat, dass sich noch andere im Haus aufhalten. Da sie nicht mehr viel zu verlieren hat, begibt sie sich auf die Suche nach den Fremden und erhofft sich, so aus dieser Zeitschleife auszubrechen.

Am Drehbuch und der Inszenierung gibt es nicht viel auszusetzen. Weil einfach auch nicht mehr zu holen war. Die Story hat einige gute Momente. Es handelt sich hierbei um keine Geschichte, bei der man zwangsläufig jeden nächsten Schritt schon ewig lange vorhersieht. Aber am Ende sollte sich das Staunen über den Ausgang in Grenzen halten. Natali lässt die Familie in einem Haus leben, welches einer übergroßen Puppenstube gleicht. Natürlich könnte er hier mit einer klaren künstlerischen Vision argumentieren, allerdings fällt es bei dieser Kulisse schwer, sich auf mehr einzulassen als auf die wieder einmal überzeugende Leistung der Hauptdarstellerin Abigail Breslin.

"Haunter" ist seit dem 22.05.2014 auf DVD und Blu-Ray erhältlich.

Dienstag, 27. Mai 2014

[JR Filmkritik 2014] Enemy


Enemy
7/10

Der Geschichtsprofessor Adam führt ein ruhiges und eher ernüchterndes Leben. Dies ändert sich allerdings von der einen Sekunde auf die andere, als er sich auf Empfehlung eines Kollegen hin einen Film ansieht und sich selbst auf dem Bildschirm entdeckt. Im Abspann findet er heraus, dass sein "Doppelgänger" ein Mann namens Anthony ist. Da dieser seinen Weg erst noch auf die Liste der A-Prominenz finden muss, fällt es Adam nicht schwer, Kontakt aufzunehmen.

Was folgt ist ein Film, bei dem man sich nie ganz sicher sein kann, welche Wege er geht. Regisseur Denis Villeneuve hat vermutlich seinen Spaß damit, dem Zuschauer nur einzelne Brotkrumen zuzuwerfen und ihnen eine Aufklärung schuldig bleibt. Im Mittelpunkt steht die Spinnen-Metapher. Eine Legende besagt, dass die Schauspieler in ihren Verträgen versichern mussten, nicht über die Bedeutung der Tiere im Film zu sprechen. Wie sinnvoll man das halten mag, muss jeder für sich entscheiden. Hat Villeneuve vielleicht einfach Bilder kreiert, die keinerlei Bedeutung haben? Unwahrscheinlich, aber möglich. Doch eines ist klar: Der selbst erschaffene Mythos tut dem Film gut.

Eine ungemütliche Inszenierung macht die Leiden des Hauptakteurs spürbar. Jake Gyllenhaal gelingt es, beiden Figuren eine eigene Farbe zu geben. Trotz fehlender sichtbarer Unterschiede erkennt der Zuschauer sofort, welche der beiden Figuren in der Szene ist.

Nach einigen Minuten erkennt man, dass es sich bei der Welt in "Enemy" um keine gewöhnliche Gesellschaft handelt. Hier und da gibt es Anormalitäten, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten zu geben. Vermutlich muss man den Film öfters als einmal sehen, um Villeneuves Vision annähernd vollständig zu verstehen. Doch lohnt es sich auch, im Internet nach den unterschiedlichsten Theorien zu suchen. Einigen stimmt man zu, andere lehnt man ab. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Doch bei einer Sache kann man sich sicher sein. Bei der Schlussszene dürfte es selbst dem größten Spinnenfreund zuviel werden. 

Montag, 19. Mai 2014

[JR Filmkritik 2014] Mud


Mud
9/10

Dreht also der Regisseur des grandiosen "Take Shelter" einen Film mit dem gerade erst wunderbar gewordenen Matthew McConaughey. Müsste eigentlich eine sichere Bank sein, alles andere wäre eine Überraschung. Und, Gott sei dank, bleibt hier die Überraschung aus.

Sein Name ist Mud. Ob das nun stimmt oder nicht verrät der Film nicht. Er stellt sich als Mud vor und alle anderen nennen ihn Mud. Er lebt zurückgezogen auf einer kleinen Insel im Mississippi, auch wenn sein Aufenthalt nur von kurzer Dauer zu sein scheint. Entdeckt wird er dort von zwei abenteuerlustigen Jungen, die von einem Boot in den Bäumen fasziniert sind. Eben jenes Boot, welches Mud von der Insel bringen soll.

Zu viele Einzelheiten über den Plot verderben das Sehvergnügen, weswegen eigentlich nur noch gesagt werden sollte, dass die beiden sehr schnell gefallen an dem Fremden auf der Insel finden und sich bereiterklären, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Auch als sie die wahren Hintergründe erfahren, weichen sie nicht von seiner Seite. Das Ziel ist es, seinen Wunsch zu erfüllen, auch wenn das alles andere als einfach ist.

"Mud" ist ein Ensemblefilm, wie er im Buche steht. Natürlich dominiert McConaughey in jeder seiner Szenen. Allerdings hat Jeff Nichols die Mammutaufgabe gemeistert, zwei überzeugende Kinderdarsteller für die beiden Titelrollen zu besetzen. Die Besetzungsliste mit Namen wie Reese Witherspoon, Sarah Paulson, Sam Shepard oder seiner Muse Michael Shannon aufzustocken, schadet dem Film dann auch nicht mehr.

"Mud" ist seit dem 13. Mai 2014 auf DVD und Blu-Ray erhältlich.

Donnerstag, 15. Mai 2014

[JR Filmkritik 2014] Tokarev

Tokarev
5/10

Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Krimineller aus seinem Leben aussteigen kann und er tatsächlich mit einer weißen Weste davonkommt, die noch nicht mal am Kragen einen dunklen Fleck vorzuweisen hat. Möchte man den ersten Minuten von "Tokarev" glauben schenken, scheint es Paul Maguire tatsächlich geschafft zu haben. Mittlerweile als angesehener Geschäftsmann, den Bürgermeister auf Kurzwahl, verkehrt in den höchsten Gesellschaftskreisen seiner Stadt. Als dann eines Abends völlig unerwartet seine Tochter zuerst entführt, und kurz darauf tot aufgefunden wird, weiß er, dass seine Vergangenheit gleich zweimal angeklopft hat.

Natürlich darf man dem Film nicht jeden Fehler ungestraft durchgehen lassen. Aber sind wir ehrlich, mittlerweile sollte man den unerbittlichen Fleiß von Nicolas Cage zu schätzen wissen. In einem guten Jahr schafft er es mit vier bis fünf Produktionen direkt ins heimische Kino. Dass diese Filme qualitativ nicht viel mit dem zu tun haben, was er beispielsweise Ende der 80er Jahre oder in den 90ern gemacht hat, erklärt schon die Entscheidung der Auswertung.

Wer also den Schauspieler Nicolas Cage schätzt, sollte hier sicherlich seinen Spaß finden. Dass hinter jeder Ecke holprige Dialoge, merkwürdige Schauspieleinlagen und nicht ganz ernstzunehmende Klischees warten, sollte man natürlich wissen. Im Endeffekt geht es nur um Rache und darum, nach und nach jeden auszuschalten, der auch nur im Entferntesten mit dem Tod von Cages' Filmtochter zu tun haben könnte. Mehr ist es nicht, und auch da entwertet der Twist am Ende die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens. Gemäß dem Fall, blindes Drauflosschießen hat irgendeinen Sinn.

"Tokarev" ist seit dem 13. Mai 2014 auf DVD und Blu-Ray erhältlich.

Montag, 12. Mai 2014

[JR Filmkritik 2014] Labor Day

Labor Day
10/10


Es fehlte ihnen ein Mann im Haus. Zumindest könnte man das nach der ersten halben Stunde von "Labor Day" vermuten. Als die geschiedene Adele mit ihrem Sohn Henry zum monatlichen Einkauf in den Supermarkt fährt, rechnet sie nicht damit, auf der Heimfahrt in Gewalt des gerade aus dem Gefängnis ausgebrochenen Frank zu sein, dessen Flucht von da an die lokalen Nachrichten beherrscht.

Nach langen Einstellungen, in denen die Spannung mittels bedrückendem Soundtrack an die Grenze getrieben wird, und eine scheinbare Ohnmacht darüber herrscht, wie man sich richtig verhält, hat man einen Schwerverbrecher (zumindest wird das im Fernsehen behauptet) im Haus, folgt eine rasche Entspannung. Die depressive Adele hat einen Mann im Haus gebraucht, der Sohn eine Vaterfigur. Zu harmonischem Klavierspiel folgt eine Collage bilderbuchähnlichen Familienidylls.

Unterbrochen wird dieser neue Glücksmoment durch den unerwarteten Besuch eines Nachbarn. Doch auch hier stellt sich sehr schnell ein, was man schon frühzeitig vermutet hat. Auf irgendeine Art und Weise brauchen diese drei Menschen einander. Und so verwerft Frank seine weiteren Fluchtpläne sehr schnell und wird zu dem, was Adele und Henry so dringend in ihrem Leben brauchen.

Zwischenzeitlich sind die Fesseln verschwunden, man hantiert mit scharfen Messern, um gemeinsam einen Pfirsischkuchen zu backen. Henry geht alleine in den Supermarkt und begegnet auf dem Weg einem Polizisten, der Plakate mit dem Bild von Frank an Bäume anschlägt. Treten unerwartet Komplikationen auf, versucht man intuitiv den plötzlichen Hausgast zu schützen. Dutzende Möglichkeiten ergeben sich, dieses nicht ganz natürliche Szenario vorzeitig zu beenden. Doch warum gegen etwas ankämpfen, was scheinbar so gut funktioniert?

Der Film lebt nicht durch seine Dialoge, sondern durch die Kraft der Bilder. Emotionen stehen im Vordergrund. Ab einem gewissen Punkt geht es nicht mehr um die Frage, was richtig oder falsch ist. Es geht nur noch darum, eine gemeinsame Ewigkeit zu entwerfen. Augenblick, verweile doch.

Donnerstag, 8. Mai 2014

[JR Filmkritik 2014] Grand Piano


Grand Piano
7/10

Man stelle sich einmal vor, da gäbe es eine Version von „Nicht auflegen“, in der man nicht nur einfach nichtsnutzig in einer Telefonzelle herumstehen muss und die anderen die Arbeit erledigen lässt, sondern ein gefeierter Starpianist in einem ausverkauften Konzertsaal an einem Piano sitzt und vor sich die Notenblätter eines überaus anspruchsvollen Stückes hat und sich nicht verspielen darf, da man sonst seine Frau und ihn selbst erschießen wird.

Zugegeben, die Handlung von Eugenio Mira's musikalischem Thriller klingt wie etwas, was man sich auf einer Party nach fünf Sixpack Bier gegen halb drei einfallen lässt. Allerdings ist es vermutlich auch seiner Fähigkeit als Komponist zu verdanken, dass „Grand Piano“ mehr als nur ein flotter Film mit guter Musik ist.

Ihm gelingt es, die Musik zu einem Hauptdarsteller zu machen. Auch wenn sich hier und da immer mal wieder inszenatorische Fehler einschleichen, sind die Szenen, in denen Elijah Wood am Piano sitzt und wörtlich um sein Leben spielt, von einer beeindruckenden Intensität und Perfektion. Es soll der Eindruck entstehen, dass die Handlung des Films quasi in Echtzeit passiert, wobei natürlich die Erzählzeit und die erzählende Zeit nicht wirklich zueinanderfinden wollen. Doch trotz der seriösen Konzertatmosphäre und der hohen Präsenz der Musik dürfte der Film auch denjenigen gefallen, die mit klassischer Musik nicht viel anfangen können. Mira gelingt es, alles in äußerst kurzweilige 78 Minuten zu packen. Warum man allerdings einen Abspann mit einer Länge von 12 Minuten gebraucht hat, bleibt wohl ein Geheimnis der Verantwortlichen.

John Cusack ist das erste Mal nach 30 Minuten zu hören und auch nur am Ende in wenigen Szenen zu sehen. Dennoch harmoniert seine stimmliche Arbeit mit dem nervösen Spiel von Elijah Wood. Über ein Headset stehen sie während des gesamten Konzerts in Kontakt.

Ob Cusack's Charakter nun lediglich besessen von perfekten Konzertaufführungen ist oder doch eine ganz andere Motivation hat, löst Mira am Ende gelungen auf. Sicherlich werden viele mit dieser Idee unzufrieden sein, doch sollte man „Grand Piano“ nicht auf diese Schlusssequenz reduzieren. Dafür ist die Präsentation der Musik einfach zu stark.

Grand Piano“ ist seit dem 8. Mai 2014 auf DVD und Blu-Ray erhältlich.