Jochen Rathmann's Bücher

Donnerstag, 16. Februar 2012

[OSCAR COUNTDOWN 2012] Teil 3 – Rango


8/10

„Rango“ ist ein Animationsfilm, dennoch sehr schwer in die Reihe der üblichen Produktionen aus dem Hause Pixar oder Dreamworks Animations einzureihen. Nach den ersten drei „Fluch der Karibik“ – Filme trafen Regisseur Gore Verbinski und Johnny Depp ein weiteres Mal aufeinander, dennoch heißt das nicht unbedingt familiengerechtes Popcornkino. Vielmehr ist es ein Vergnügen für Alt und nicht für Jung. Welcher sechsjährige dürfte die Anspielung auf Hunter S. Thompson verstehen, Spaß am Roadkill haben oder den Missständen der Stadt Dreck.

Den genau dorthin verschlägt es das Chamäleon, nachdem er aus seinem Terrarium vom Auto fiel und irgendwo in der Wüste ums überleben kämpft. Nicht nur ihm macht die Hitze zu schaffen, auch den Einwohnern dieser kleinen Westernstadt. Die Wasservorräte liegen brach, nicht mehr lange und alle würden auf dem sandigen Wüstenboden vertrocknen. Doch Rango ist vielleicht nicht mutig oder begabt mit dem Colt, dennoch kann er Geschichten erzählen wie kein anderer und wird schnell zum Sheriff von Dreck berufen, mit dem Auftrag, Wasser für die Stadt zu beschaffen.

Der Film spielt mit den geläufigen Westernklischees, lässt kein Stilmittel aus, wirkt dennoch nicht überspannt oder langweilig. Auf jedes bekannte Motiv folgen mindestens zwei neue, kreative Einfälle. Der Film kann dem hohen Niveau der Pixar – Produktionen standhalten und hätte etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Vielleicht entwickelt er im Heimkino einen zweiten Schub und schafft es, ein wahrer Kultstreifen zu werden.


[OSCAR – PROGNOSE]

Es muss Schicksal sein, dass Rango in dem Jahr nominiert ist, in dem Pixar mit der Fortsetzung eines ohnehin nicht sonderlich beliebten Filmes keine Anerkennung findet und ein langer, erfolgreicher Durchmarsch beendet wird. Auch wenn Filme wie „Kung Fu Panda 2“ und „Puss in Boots“ eine gewisse Klasse besitzen und ebenfalls verdiente Sieger wären, so kann es dieses Jahr nur einen geben: Rango! Und zwar mit Recht!

Mittwoch, 15. Februar 2012

[OSCAR COUNTDOWN 2012] Teil 2 – The Ides of March - Tage des Verrats


8/10

Neben der herausragenden und namhaften Besetzung ist der Film ein großes Risiko eingegangen. Schließlich ist „The Ides of March – Tage des Verrats“ nicht die Geschichte eines großen und bekannten Politikers oder die Rekonstruierung eines aufregenden Wahlkampfes. Es ist schlichtweg die Geschichte des „Caucus“, des sogenannten Vorentscheides einer Partei, wer aus den eigenen Reihen zur Präsidentschaftswahl antreten soll. Um genau zu sein, der Film behandelt die Phase unmittelbar vor dem Vorentscheid im Bundesstaat Ohio. Die demokratische Partei – Clooney wird wohl selbst in seinen Alpträumen keinen Republikaner spielen – entscheidet zwischen zwei Topkandidaten und um eine sichere Präsidentschaft, schließlich wird im Laufe der Handlung des öfteren erwähnt, dass bei dieser Wahl von der republikanischen Seite kein Gegenwind zu erwarten sei.

George Clooney (seine vierte Regiearbeit) selbst übernimmt die Rolle des Kandidaten, allerdings spielt seine Figur nur in der zweiten Reihe. Viel wichtiger ist Stephen Meyers (Ryan Gosling), Mitglied des Wahlkampfteams und ein unverbrauchter Knabe, der noch an die ehrliche Seite der Politik glaubt. Doch während die Vorbereitungen in Ohio laufen und alles für einen Sieg spricht, durchläuft Meyers eine wahre Tour de Force.

Ryan Gosling überzeugt in der Rolle des jungen Hoffnungsträgers, der nach und nach in ein Netz voller Lügen und Intrigen fällt. Er spielt ein Spiel, dessen Regeln er nicht beherrscht und verliert nach unüberlegten Handlungen seinen Platz im Team und seinen Glauben an die Sache. Doch da für ihn nur die Politik als Lebensinhalt in Frage kommt, schießt er zurück. Er lernt schnell, wer seine wahren Freunde sind und wer ihn nur für die eigenen Zwecke benutzt, wem er vertrauen kann: Niemandem. Plötzlich kippt seine Stimmung, sein Ton wird härter, der Auftritt raumergreifender, er hängt sich weit aus dem Fenster, hat allerdings einen Joker, den er jederzeit aus dem Ärmel schütteln kann. Und so spannend inszeniert diese Auftritte von Stephen Meyers sind, so scheint es doch, als hätte Gosling nicht immer den Ernst der Lage verstanden. So gibt es ein tolles Vieraugengespräch mit Gosling und Clooney gegen Ende des Films, in dem er neben sich zu stehen scheint.

Auch die Dialoge des Films wirken oft hölzern und zu stark konstruiert, obwohl das Drehbuch in der Storyentwicklung ein gutes Tempo vorgibt. Doch das alles ist nebensächlich, schließlich steht und fällt der Film mit der Stärke eines hervorragenden Casts (Clooney, Gosling, Giamatti, Seymour Hoffman, Tomei, Rachel Wood,...), der kaum schwächen zeigt.

 
[OSCAR PROGNOSE]

Eine einzige Nominierung konnte „The Ides of March – Tage des Verrats“ einfahren (Bestes adaptiertes Drehbuch). Ich hoffe einfach, dass in dieser Kategorie der Preis an den anderen Clooney – Film geht.

[OSCAR COUNTDOWN 2012] Teil 1 – Drive

Wir haben die Globes, die SAGs, die BAFTAs, ja sogar die Grammys hinter uns gebracht und der durchschnittliche amerikanische Fernsehzuschauer beginnt wie jedes Jahr um diese Zeit zu jammern, dass diese unsägliche Awardseason wieder einmal zu lange dauert. Doch das eigentliche Highlight steht uns erst noch bevor. Am 26.02.2012 werden in Los Angeles die Oscars vergeben. Bis es soweit ist werde ich jeden Tag Kritiken zu den nominierten Filmen veröffentlichen. Den Anfang macht „Drive“.


9/10

„Drive“ ist der „The Transporter“ des gehobenen Kunstfilms. Prinzipiell kommt die Story ziemlich gewöhnlich einher. James Sallis hat die Romanvorlage geliefert. Ryan Gosling spielt einen Fahrer ohne Namen, der tagsüber als Filmstuntman, Rennfahrer oder in einer Autowerkstatt arbeitet. Nachts bietet er seine Dienste als Driver an. Wer gerade dabei ist z.B. einen Überfall zu planen und noch keine Ahnung hat, wie man vom Tatort schnellstmöglich und sicher verschwinden kann, kann sich an den Driver wenden. Dieser gewährt ein 5 – Minuten – Zeitfenster. Nach exakt fünf Minuten, sobald auch nur eine Sekunde darüber verstreicht ist, verschwindet er, wer auch immer im Auto sitzt.

Natürlich gibt es eine Frau, die seine aktuellen Lebensumstände erheblich erschwert und einer seiner Aufträge geht auch ordentlich in die Binsen. Plötzlich ist das Leben des Drivers auf den Kopf gestellt.

Ryan Gosling überzeugt auf ganzer Linie. Er ist nicht nur der Mann ohne Namen, sondern beinah auch stumm. Seine Sprechzeilen lassen sich entspannt auf drei Drehbuchseiten reduzieren, seine Figur lebt durch die starre Mimik, die den Latexmasken gleich ist, die er für die Filmstunts tragen muss. Er ist zurückhaltend, wirkt passiv und spricht nur dann, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden lässt. Er trägt eine silberne Rennjacke und fährt zu flippiger 80s Musik durch die Straßen von Los Angeles, die er besser als seine Westentasche kennt.
Die Frau, die in sein Leben tritt – ebenfalls grandios und zurückhaltend von Cary Mulligan gespielt – ist die einzige Person, die ihm ein Lächeln abverlangt. Es sind die Szenen, in denen sie beide spielen, in denen der Driver aus sich herauszugehen scheint. Als dann ihr Ehemann in die Szene tritt, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, wird das emotionale Gefüge um einiges komplexer. Er hilft ihm bei einem „letzten“ Deal, bei dem natürlich alles schief geht, was schief gehen kann. Dennoch sind seine Absichten ehrlich, er möchte dieser Frau und ihrem Sohn das sorgenfreie, perfekte Leben ermöglichen.

Auch wenn der Film sich wohl kaum als klassischer Horrorfilm bezeichnen lässt, so enthält er doch viele klassische Element des Genres. Allen voran die Szene gegen Ende des Films, in der der Driver die Limousine verfolgt. Ein klassischer Auto gegen Auto – Kampf in der Dunkelheit, die Scheinwerfer spielen mit ihrem Opfer. Aber auch Splatter – Anleihen sind zu finden, entweder werden Köpfe mit rauer Manneskraft zertreten oder mit Kugeln durchbohrt.
Albert Brooks, Ron Pearlman und Bryan Cranston sind weitere namhafte Nebendarsteller, die zu einem ausgewogenen und positiven Gesamtbild verhelfen.

Ob „Drive“ wirklich einmal diesen Kultstatus erreichen wird, von dem viele schon jetzt sprechen, sei einmal dahingestellt. Doch mindestens einmal sollte sich jeder diesen Film ansehen!

[OSCAR – PROGNOSE]

Bei den Golden Globes hatte der Film immerhin noch eine Chance, einen Preis zu gewinnen und wurde schon als Insidertipp bei den Oscars gehandelt. Am Ende blieb eine Nominierung (Best Achievement in Sound Editing), und diesen Preis wird der Film wohl kaum gewinnen können.

Dienstag, 14. Februar 2012

Walter Sittler spielt Erich Kästner in Saarbrücken – „Vom Kleinmaleins des Seins“ am 09.02.2012 im Saarländischen Staatstheater


 Nach drei Jahren kehrte Walter Sittler zurück auf die Bühne des Saarländischen Staatstheaters für die Fortsetzung des überaus erfolgreichen Erzählprogramms „Als ich ein kleiner Junge war“, in welchem er aus der Sicht von Erich Kästner dessen Kinderjahre erzählt.

Es muss weitergehen, und getreu diesem Motto schließt die Fortsetzung „Vom Kleinmaleins des Seins“ direkt dort an, wo der erste Teil endet. Es wird von den Jahren als junger Erwachsener erzählt. Erste Theaterkritiken und Achtungserfolge im Schriftstellerdasein. Über die Kriegsjahre, der Verlust seiner Heimat, seiner Eltern, bis hin zum eigenen Tod. Eine Besonderheit hier: „Als ich ein kleiner Junge war“ ist eine Erzählung von Erich Kästner und wurde, bis auf einzelne Kürzungen, eins zu eins für die Bühne adaptiert. Allerdings gibt es kein alleinstehendes Werk von Kästner über sein späteres Leben. Aus allen vorhandenen Quellen hat man Informationen zusammengetragen und einen neuen, biografischen Text erarbeitet.

Wie in der Begrüßung des Publikums vorab berichtet wurde, ist der Auftritt in Saarbrücken die 111. Aufführung des Stückes und bildet gleichzeitig den Tourabschluss.

Zu Beginn liegt Sittler auf dem Boden. Auf der rechten Seite befindet sich das musikalische Ensemble, vereinzelt stehen Hocker auf der Bühne, auf der linken Seite ein Tisch, von wo er die Briefe an sein „liebes gutes Muttchen“ schreibt. Der Vorhang im Hintergrund wird den Abend hinweg farblich wechselnd angeleuchtet.

Walter Sittler, so scheint es, verkauft sich unter seinem Wert. Im Vergleich zu seinen Darbietungen auf der Bühne wirkt es nahezu lächerlich, mit welchen Angeboten er sich im Fernsehgeschäft abspeisen lässt. Von der „Kommissar und das Meer“ – Reihe einmal abgesehen ist er größtenteils in drittklassigen „Familienkomödien“ zu sehen. Als Kästner brilliert er wie schon vor einigen Jahren. Er taucht in die Figur und lässt den Zuschauer oft vergessen, dass es weder Kästner noch Sittler ist, der spricht, sondern Sittler als Kästner. Er nutzt die große Fläche der Bühne aus, tänzelt zu der Musik, entledigt sich seines Mantels und seines Hutes, wenn er sich heimisch fühlt, setzt den Hut auf, wenn er auf Reisen geht (bzw. davon erzählt). Er hat den Text verinnerlicht, jede Sprechpause wohlwollend gesetzt (auch wenn er einmal kurz ins Stocken geriet, sich aber mit Bravour gerettet hat). Es ist ganz große Kunst, wenn ein Schauspieler nur mit Worten ein Publikum für anderthalb Stunden begeistern kann.

Doch so schön ein Abend auch sein kann, gab es dennoch einen kleinen Wermutstropfen zu vermelden. Nachdem den ganzen Abend ein Verkaufsstand mit dem Banner „Der Künstler signiert nach der Veranstaltung“ hohe Umsätze zu vermelden hatte, da sich jeder Besucher mit Büchern und Hörbüchern eindeckte, wurde am Schluss einem gut gefüllten Foyer mitgeteilt, dass sich Herr Sittler entschuldigen lässt und nicht mehr kommen wird. Nachdem ein Großteil enttäuschter Zuschauer gegangen war, erfuhr man, dass er zu erschöpft sei und am Ende einer langen Tour stehe. Da die Verantwortlichen sichtlich Mühe hatten, eine Ausrede zu finden und sich viele Argumente widersprachen, sei es mal dahingestellt, ob es wirklich zu erschöpfend wäre, einem begeisterten Publikum eine halbe Stunde Aufmerksamkeit zu schenken und ein paar Bücher zu unterschreiben.